Ein Mandel-OP Einmaleins

Ein Erfahrungsbericht von Christoph

Hallo Zusammen,
ich bin 35 Jahre alt, selbstständiger Zahnarzt, und bekam am 16.04.2021 meine Mandeln entfernt.
Im Vorfeld hatte ich eigentlich keine „gravierenden“ Mandelprobleme. Alle 2-3 Jahre vielleicht eine Angina mit einer Schwellung der Mandeln. Das bekam ich aber immer gut mit Antibiotikum (AB: Penicillin V (Leitlinie) für 10 Tage eingenommen) in den Griff.
Mitte Dezember 2020 ging es mit meiner ersten Mandelentzündung los. Starke schmerzhafte Lymphknotenschwellung, Abgeschlagenheit, Fieber. Ab Tag 2 AB genommen. Besserung kam nach 3 Tagen, hielt 10 Tage an, sprich Anfang Januar ging es wieder los. Noch schmerzhaftere Lymphknotenschwellung, Fieber bis 39 Grad. Da ich auch Probleme mit meinen Nasennebenhöhlen habe, dachte ich es kommt ggf. daher. AB also gewechselt. 3 Tage später ging es besser. Ich arbeitete weiter (Fehler!). Das Spiel wiederholte sich Ende Januar, leider dann gepaart mit Brustschmerzen und Atemnot (nicht massiv aber nicht zu ignorieren). Diagnose Myokarditis. Krankenhausaufenthalt für 4 Tage. Long Story short. Danach hatte ich erneut 4x eine Mandelentzündungen mit Fieber bis zu 40 Grad. Wir hatten inzwischen Ende März, das AB wirkte erst nach 5-6 Tagen, die Abgeschlagenheit ging nie weg. Sah sehr nach einem Herdgeschehen aus. Natürlich war ich auch immer bei HNO’lern. Alles gemacht. Blutbild, Abstriche, Ultraschall, Endoskopie etc. Meine Mandeln seien ganz schön hieß es, Abstriche zeigten keinen bakteriellen Befall. Der CRP Wert im Blut (Entzündungswert) war aber immer erhöht. Differentialdiagnostisch alles durchgegangen. Pfeiffersches Drüsenfieber, rheumatische Arthritis etc. Ich war verzweifelt. Wieso erzähle ich das im epischen Ausmaß? Ich wollte keine Mandelentfernung und hinterfragte alle Befunde. Immerhin sahen die Mandeln (laut HNO’ler) gut aus, ich war nicht der klassische chronische Patient, der schon Jahre unter Mandelentzündungen litt. Ich wollte alles abwägen. Ich hielt es fast 5 Monate durch, ging dann aber verzweifelt an einem Sonntag in die Notaufnahme der HNO und bat um einen zeitnahen Termin zur Tonsillektomie. Es konnte so nicht weitergehen. Obwohl die Myokarditis im Griff war, musste ich wieder gesund werden. Außerdem, was wäre die Alternative gewesen? Jede zweite Woche weiter AB nehmen?
Also wurde ich am 16.04.2021 operiert. Natürlich las ich mir zuvor viele Erfahrungsberichte online durch. Das sorgte für noch mehr Unbehagen, so dass ich emotional ziemlich fertig war. Narkosen sind jetzt auch nicht meine heimliche Leidenschaft. Nutze nichts. Vor der Op bekam ich eine Tablette zur Beruhigung. Nach kurzer Narkoseeinleitung war ich auch schon weg. Im Aufwachraum ging es mir erstaunlich gut, mein Mund war aber „verschleimt“. Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Schlucken ging, tat weh, aber wirklich auszuhalten. Davor hatte ich am meisten Angst, die Schmerzen direkt nach der Op. Diese waren überraschend moderat. 

Post-OP Tag 0-3 (0 = Op Tag), Schmerzlevel 0-3:
Mir ging es erstaunlich gut. Ich war fast 2 Stunden auf meinem Zimmer weg gewesen. Die Narkose hatte ich sehr gut vertragen. Ich machte ein Selfie für die Familie. Still alive trotz Op und dritter Corona Welle. Alle waren beruhigt, haha. Tagsüber war ich sehr müde. Man merkt, dass der Körper Ruhe zur Heilung braucht. Ich bekam dann mein Frühstück und konnte es essen. Es fühlt sich an wie bei einer leichten Mandelentzündung. Schmerzlevel 0-2. Ich erinnerte mich an viele Beiträge und habe wirklich fleissig alles gegessen (außer natürlich scharf, sauer, Obst, Koffein oder was mit Kohlensäure). Das ist enorm wichtig. Ich trank immer 2-3 Liter Wasser am Tag. Sprechen ging kaum, mein Zäpfchen war stark angeschwollen, der Zungengrund tat auch weh. Bei jedem Schlucken blinzelte ich, aber das Essen war wirklich auszuhalten. Esst und trinkt langsam, ohne die Mandeln ging auch bei mir das Wasser mit Brotkrümeln gerne man Richtung Nase. Bloß nicht husten, dachte ich. Ich habe auch Brotränder etc. gegessen, da ich eine kontinuierliche Abreibung des Wundschorfs haben wollte. Nur Suppe bringt da nichts, dachte ich mir. Die Visite war 2x täglich: Wie gehts uns, Mund einmal öffnen, A sagen, schön, bis morgen 🙂

Tipps für diese Zeit:
– esst und trinkt, aber langsam. Man schluckt etwas anders.
– fleißig Schmerztabletten nehmen + Pantoprazol (alle beschrieben Schmerzlevel sind natürlich mit der Einnahme von Schmerzmittel beschrieben). Ich brauchte nur 3x 600mg Ibu am Tag und nach der OP eine Paracetamol Infusion. Die tat wirklich gut.
– Eis! Ich genoss bestimmt fünf Stück am Tag. Billigstes Wassereis war mein Renner. Zu dem Zeitpunkt hilft die Kühle sehr.
– lasst euch Eiswickel für den Hals geben, ungemeiner Mehrgewinn. Coronabedingt war ich ab Tag 2 alleine auf meiner Station und hatte „access all areas“ mit Backstage Passes für die Stationsküche haha. Ich nahm mir da alle 3 Stunden einen neuen Halswickel (Coolpacs ist einer „Krankenhausstrumpfhose“ gepackt) aus dem Gefrierfach heraus.
– ich persönliche konnte nicht direkt Zähneputzen, die Mundöffnung ist eingeschränkt gewesen. Damit fing ich aber ab Tag 2 an.
– ich konnte ab Tag 2 online arbeiten. Man wird schnell müde aber es geht. Davor war ich zu platt. 

Post Op Tag 4-6, Schmerzlevel 3-5
Ich wurde nach vier Tagen entlassen. Mir ging es gut, ich war aber schlapp. Manchmal pochte es im Mundraum wegen der Wundheilung. Ich konnte noch immer kaum sprechen. Essen ging, aber im Krankenhaus ging es gefühlt besser. Die Schmerzen änderten sich. Wassereis half weiterhin, die Coolpacs um dem Hals nicht mehr wirklich. Ich hatte eher ziehende Schmerzen (Ohren, Kopf- und auch leichte Zahnschmerzen). Das Essen tat weh, noch handlebar aber manche Portion wurde unterbrochen und später weitergegessen.
Die Stimmung kippte ein wenig. Woran liegt das? Nach jeder Op geht es dir eigentlich Tag für Tag besser. Nicht bei der Tonsillektomie. Also nicht bei mir. Das ist einfach ernüchternd. Meine Fibirinbeläge waren ähnlich dick wie im Krankenhaus, laut Arzt aber recht dünn und zierlich. 

Tipps für diese Zeit:
– nehmt euer Schmerzmittel ein, vor allem nachts. Ich hatte seit OP Beginn nicht wirklich entspannt durchschlafen können. Rechnet damit, dass ihr tagsüber auch müde seid. Ich war weiterhin bei Ibu 600mg 3x täglich. Führt am besten ein Tagebuch wann ihr was eingenommen habt. Man verliert schnell den Überblick. Ich versuchte es auch mal mit Novalgin, bisschen Urlaub für meine Nieren dachte ich mir, wirkte leider nichts. Mir wird schlecht vom Novalgin und es führt bei mir zu keiner Schmerzlinderung.
– Esst, auch wenn ihr lange braucht. Esst Eis, das entspannt weiterhin. Trinkt weiterhin viel.
– Redet aber nicht so viel, danach tut es einfach mehr weh.
– macht euch ein Schmerztagebuch. Habe ich dreimal am Tag gemacht. Half mir irgendwie fürs mindset.
– morgens tut es immer besonders weh. Bei mir dauerte das auch gut 1-2 Std. Der Mund ist dann trocken und wund. Viel trinken.

Post Op Tag 7-9, Schmerzlevel 5-8
Eine Woche nach meiner Op hatte ich meine Wiedervorstellung beim Operateur. Die Wundheilung verlief gut. Er war zufrieden. So weit so gut.
Die Fibrinbeläge lösten sich langsam. Die Schmerzen stiegen leider. Der Ohrenschmerz hörte auf. Dafür kam ein neuer brennender Schmerz dazu. Leider auch der schmerzhafteste. Tja was soll ich sagen. Meine Laune war am Boden. Es tat wirklich weh. Schlucken war noch nie so schwer gewesen. Vielleicht hilft folgender Vergleich: es fühlt sich an wie ein Sonnenbrand im Mund und jedes Essen ist ein schönes Peeling. Ich konnte beim besten Willen so nicht Essen oder Trinken. Kalt tut genauso weh wie lauwarm. Alles richtig mies. Verzweiflung machte sich breit als die Ibu’s 600 3x täglich nur zur leichten Schmerzlinderung führten. Da ich Novalgin nicht vertrage, nahm ich „Tilidin 50/4 mg“. Meine Cola in der Wüste. Ein Opiat. Darauf wollte ich nur im worst case zurückgreifen, musste ich aber. Wirkungseintritt nach 15 min. und das Opiat sollte mich nicht enttäuschen. Es wirkte wirklich Wunder (das heißt es tat nur noch so weh wie die Tage davor von Schmerzlevel 8 auf 3-4 würde ich sagen). Aushaltbar. Ich bin dadurch nicht müde geworden. Ich kann es nur empfehlen, man gibt es häufig Patienten postoperativ, es ist ein schwach wirksames Opiat. Ich weiß gerade nicht wie ich vor allem Tag 8 und 9 ohne Tilidin durchgestanden hätte. Es brennt halt extrem. Ein Blick in den Mund zeigte, dass sich viel Fibrin löste und die Haut darunter einfach noch gerötet war. Verheilt aber gerötet. Daher der Vergleich mit dem Sonnenbrand. Der Vergleich ist fies aber ich fand ihn treffend. Bei den ganzen Berichten habe ich mich immer gefragt, wie fühlt sich wirklich schmerzhaft an und jeder kennt das Gefühl eines starken Sonnenbrand. Dieser ist halt seitlich im Mund wo die Mandeln waren. Manch einer fragt sich jetzt wieso ich nicht Schmerzlevel 10/10 angebe. Ich finde Schmerzen Level 9 und 10 sind einfach Schmerzen, die du gar nicht mehr in den Griff bekommst. War nicht so bei mir. Du kommst an deine Grenzen aber es dauerte bei mir nur 2 Tage. Dennoch wollte ich den Bericht zeitnah danach schreiben, denn der Mensch neigt dazu unschöne Ereignisse aus der Vergangenheit zu relativieren. 

Tipps für diese Zeit:
– mach dir bewusst, dass das die fieseste Zeit ist, schlimma wirds nimma.
– hol deine starken Schmerzmittel aus der Reserve
– es ist nicht schlimm, wenn du nicht viel essen kannst. Trink aber wenigstens. Nur zwei Tage bis zur Traumfigur. 

Post OP Tag 10 ff.;, Schmerzlevel 0-2
Es sind nun 11 Tage vergangen. Mir geht es gut. Ich brauche 1-2 Ibu’s am Tag. 75% des Fibrinbelages ist weg. Ich habe morgens nur noch mäßige Schmerzen. Dennoch nehme ich noch Schmerztabletten, damit es erst gar nicht zum Schmerzgedächtnis kommt. Ich kann besser essen, nicht einwandfrei aber besser. Dennoch kann ich noch nicht gähnen. Die Mundöffnung ist fast wieder auf dem alten Niveau. Mein Zäpfchen ist noch immer angeschwollen. Ich schnarche deswegen noch immer (davor war das nie der Fall). Aber alles entspannt im Vergleich zu den Tagen davor.

Resümee:
Ja, ich würde es definitiv wieder machen. Ja, es tat sehr weh aber nicht konstant, es gab halt Schmerzspitzen. Es war ohne die Schmerzspitzen gut auszuhalten.
Außerdem stellten sich meine ach so „schönen Mandeln“ im pathohistologischen Befund als vernarbt und chronisch entzündet dar. Beide. Auch wenn der HNO’ler sagt, ja die sind nicht so groß und die sind nicht sehr vernarbt, es war bei mir der Entzündungsherd. Also richtig Entscheidung getroffen.
Warum liest man dann immer diese Horrergeschichte von Mandel-OP’s? In meinen Augen ist es einfach psychisch anstrengend. Du hast Angst vor der OP, die schaffst du dann und die Schmerzen sind danach moderat. Diese verändern sich aber daraufhin immer wieder und werden schlimmer. Das ist einfach zermürbend. Man kann sich auf nichts einstellen und hat nicht die Perspektive vor sich „morgen wird es ja besser“. Es wird besser aber morgen ist bei mir ab Tag 10 gewesen. Der Verlauf ist darüber hinaus sehr individuell. Ich hatte keine Blutungen, keine Narkoseprobleme oder Komplikationen. Dennoch seid ihr zwei Wochen ganz sicher nicht arbeitsfähig. Auch wenn ihr nach Tag 10 schon happy seid. Bei mir verlief es optimal würde ich sagen. Außerdem zog ich in meinen Tiefs immer den Vergleich zu den 5 Monaten davor. Hohes Fieber ist echt fies, es hat mich so geschlaucht, ich hatte wirklich keine Lebensqualität mehr. Stelle ich das mit den 2-3 Tagen an Schmerzspitzen, die heftig sind, gegenüber, rate ich jeden sich lieber operieren zu lassen.
Es ist nicht nur machbar, sondern gut machbar. Unterm Strich kommt man mit den meisten Tagen gut zurecht.

Meine persönlichen Tipps:
– ich habe täglich (schon am Abend nach der Op) 2x täglich 600 mg Ingwer-Konzentrat in Kapselform eingenommen. Googlet man Ingwer und Mandel-Op, werdet ihr dazu eine Studie finden. Kann auch reiner Placebo sein (und wenn auch ok) aber nach 10 Tagen bin ich fast schmerzfrei und die Wundheilung verlief sehr gut. Bei mir trat das ein was auch beschrieben wird, Schmerzlinderung und Förderung des Heilungsprozesses. Ich glaube trotz Schmerzspitzen kam ich im Schnitt sehr gut damit weg.
– ich nahm ebenfalls 2 Tage präoperativ noch Arnica D12, 3x täglich 5 Kügelchen, ein. Ehrlich gesagt war das der Rat einer Bekannten. Ich halte davon nicht so viel aber hey ich darf mich nicht beschweren. Mir gehts super.
-Trockenshampoo für die Zeit nach der Op.
-Ich las in einigen Berichten: nimm diesen Tee, nehme die Halstablette, spül damit um. Ganz im Ernst, nutzte bei mir nicht wirklich. Nehmt Schmerztabletten! Eine beschrieb alles in Zäpfchenform parat zu haben. Habe ich nicht gebraucht. Beim Schlucken tut es in den Schmerzspitzen enorm weh aber mit dem Brennen danach geht der Schmerz nach 3 Minuten auch wieder weg.
– in meinen Krankenhaus gab es eine Spülung zum umspülen (nicht gurgeln!): Hydrocortisonacetat-Suspension 0,5% mit Lidocain und Dexpanthenol 100g. Das betäubt ein wenig, denn zwischen Tag 6-9 tut es nach dem Essen einfach noch lange weh und brennt nach. Vielleicht bietet euer Krankenhaus aus so eine Suspension an. Ich musste aktiv danach fragen. Tipp einer Freundin, die auch im selben Krankenhaus operiert wurde.
– trinkt viel, wenn Ihr Ibu einnehmt. 2 Liter sollten das schon bei 1800-2400mg Ibu am Tag sein. Die Nieren werden es euch danken. Kombiniert es mit Pantoprazol. Dann bedankt sich auch der Magen.

Es ist gut zu schaffen. Ich drücke allen die Daumen 🙂
An dieser Stelle vielen Dank an das Team des Waldkrankenhauses Bonn, den Berichterstattern dieser Homepage und dieser Plattform.

1 Kommentar zu „Ein Mandel-OP Einmaleins“

  1. Super Bericht, da meine Tochter das gerade genauso durchlebt und glaubt es nicht einen Tag länger durchzuhalten.

    Danke für deinen Text. Habe ihn vorgelesen – glaube das hat geholfen.

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