OP trotz Brech-Angst

Ein Erfahrungsbericht von Marly

Hallo liebe Alle,

auch ich wurde am 20.10.23 von meinen Mandeln erlöst und werde nun berichten wie die Tage danach für mich verlaufen sind. 
Ich bin weiblich und 24 Jahre alt.
Im Folgenden schildere ich ausführlich welche Schmerzmittel ich wie einnahm und welche Hochs und Tiefs ich hatte.
Jetzt, da das schlimmste hinter mir ist, bin ich unendlich froh diesen Schritt gewagt zu haben und freue mich nun drauf nie wieder Mandelentzündungen haben zu müssen.

Tag 0: OP-Tag. Ich war davor sehr ängstlich, bekam eine Oxycodon. Als ich nach der OP so langsam aufwachte, war ich erstmal etwas verwirrt und bemerkte direkt Schmerzen. Mir war sehr kalt und ich habe gezittert. Daraufhin habe ich ein Gebläse unter die Decke bekommen. Das Pflegepersonal im Aufwachraum war leider sehr unfreundlich. Naja. Tag 0 habe ich quasi nur geschlafen und war nur sporadisch wach. 
Habe Wassereis bekommen und abends Pudding, den ich auch ohne Probleme und schmerzfrei essen konnte.

Tag 1: Ich war ziemlich matt und konnte morgens nicht meine Scheibe Toast essen, da sich bei mir relativ schnell und viel der Fibrinbelag bildete und somit auch der fürchterliche Geschmack eintritt. Super geschmackloses Essen ging deshalb gar nicht. 
Schmerztechnisch hielt sich noch alles in Grenzen. Ich bekam Diclofenac Zäpfchen, Paracetamol Infusion und Novalgin Tropfen – letztere brachten mir nicht viel außer Übelkeit. Ich bekam allerdings MCP da ich unter Emetophobie leide (panische Angst vor dem Erbrechen und allem was damit zu tun hat.) Deshalb habe ich schon im vornherein dafür gesorgt, dass mir Antiemetika verabreicht werden. Mittags gab es Kartoffelpüree mit brauner Soße. Das konnte ich gut essen, fand es auch lecker, nur war das dann leider erstmal meine letzte Mahlzeit für die nächsten 30 Stunden. 
Ich war die ganze Nacht wach vor Übelkeit und Schmerz. Trinken ging irgendwann nicht mehr, da mir alles ohne Ausnahme zur Nase rauslief. Schlafen ging nicht, da ich mich konstant verschluckte oder kaum Luft bekam wegen den Belägen im Hals.

Tag 2: Die Schmerzen waren nun da aber mit den Schmerzmitteln aushaltbar. Was für mich viel schlimmer war, war die enorme Übelkeit und der ständige Brechreiz. Reden hat das alles total getriggert und bei der Entlassung kam es dann dazu, dass ich mehrmals heftig würgen und auch brechen musste. (Es kam nichts raus aber da das ja meine spezielle Phobie ist, war das alles ziemlich schwer für mich psychisch. Der schlimmste Fall war nun eingetreten). 
Deshalb wurde die Entlassung erstmal auf den Tag danach verschoben und ich blieb eine Nacht länger im KH. Allerdings wurde ich verlegt, da die HNO Station leider schließen musste wegen Patienten- und Personalmangel.
Auf der neuen Station bekam ich dann ein stärkeres Antiemetikum (Ondansetron 8mg Schmelztablette) das half sehr zuverlässig und so langsam löste sich die Anspannung. Zu dem Zeitpunkt war ich dann bereits über 30 Stunden wach und nahrungslos und ich überwindete mich einen Pudding zu essen. Das gelang mir und tat gut. 
In der Nacht zu Tag 3 konnte ich vielleicht 4 Stunden dösen. Ich hab die ganze Zeit aufgestoßen und einen sehr nervösen Magen gehabt. Schlafen ging nicht, da ich mich weiterhin ständig verschluckte und teilweise einfach keine Luft bekam sobald die „Schlafatmung“ eingesetzt hat.

Tag 3: Ich dosierte zu dem Zeitpunkt selbst mit Diclofenac Zäpfchen und war oft schmerzfrei für ca. 2-3 Stunden und fühlte mich langsam fitter. Morgens dann Nachuntersuchung beim Chirurgen, der mir Mut machte, alles an Medikamenten aufschrieb was ich so benötigte und dann die Entlassung ansetzte. 
Er schrieb mir auch Tramadol auf, auf das ich jedoch gut verzichten kann und das gerne, denn ich bin allgemein ein Angsthase was die Einnahme vieler und vor allem neuer Medikamente betrifft (auch wieder wegen meiner Emetophobie – Überraschung). 
Zuhause war ich immer noch sehr unruhig und schlafen war praktisch nicht möglich, aber ich wusste: zuhause kann es nur besser werden.
Ich bereitete kalten Kamilletee literweise vor den ich auch zu genüge trank: 2,5 Liter an dem Tag. 
Auch neu im Bunde: Neo Angin Lutschtabletten zuckerfrei. Sehr hilfreich. Ich nahm Diclofenac Zäpfchen ein und bekam gegen den Geschmack im Mund (den ich persönlich psychisch nicht aushielt – wegen meiner Phobie) ein Antibiotikum was ich seither nehme. Das vertrage ich gut und ich bemerke eine Besserung im Geschmack.
In der Nacht zu Tag 4 habe ich etwas schlafen können. Ich verschluckte mich trotzdem ständig.

Tag 4: Nachts sind die Schmerzen am Schlimmsten, schlafen ist mühsam aber mir ist nicht mehr übel. Ich nehme 2-3x täglich MCP (10mg), Diclofenac Zäpfchen (50mg) alle 7-8 Stunden, Paracetamol 1000mg alle 6-8 Stunden (bis der Schmerz wieder stetig zunimmt aber mind. 6 Stunden liegen dazwischen) und Clinda Saar 600mg alle 8 Stunden (Antibiotikum) + Lutschtabletten (die helfen vorallem beim einschlafen). Das ist jetzt so meine Schmerzmedikation mit der ich persönlich gut klar komme. Auf der linken Seite bemerkte ich, wie sich bereits Belag löste. Der Schmerz auf der linken Seite ließ nach – veränderte sich aber auch in einen eher ziehenden Schmerz. 
Nun ist es so, dass wenn ich esse und trotz dessen, dass die Schmerzmittel wirken, Essen totale Schmerzen auslösen die auf Ohren, Kopf und Nacken ausstrahlen. 
In der Nacht zu Tag 5 konnte ich – mit Unterbrechung – insgesamt 6-7 Stunden schlafen. Ich wache meistens um 4 Uhr auf mit unsagbaren Schmerzen. Kann dann aber meistens was nehmen. Ich nehme Diclofenac und circa 3-4 Stunden später Paracetamol, also bin ich immer gut abgedeckt. 

Tag 5: Ich konnte gut schlafen. Ich verschlucke mich immer noch regelmäßig nachts, und wenn ich dann huste (was ich sofort versuche zu unterbinden aber natürlich nicht immer gelingt) triggert dies total die Schmerzreaktion – ganz gleich ob die Schmerzmittel vor 30 Minuten eingenommen wurden und nun wirksam sind. Husten = Hölle. 
Ich aß lauwarmen/kalten Kartoffelbrei und das ging besser als gestern und löste tatsächlich nicht so arg die Schmerzen aus wie am Tag zuvor. 

Tag 6: Die Nacht wieder wenig geschlafen, weil ich sehr viel sabbere und ich dadurch immer wieder aufgewacht bin.
Ansonsten sind die Schmerzen schon präsenter als die Tage zuvor, sie strahlen enorm in Kiefer und Ohren aus und ich kühle praktisch 24/7. 
Bis jetzt der schmerzhafteste Tag.
Mir fällt außerdem auf, dass der Wundbelag auf der linken Seite viel dünner ist und sich anscheinend besser abträgt als auf der rechten Seite. Unangenehmes Gefühl, löst oft Brechreiz aus.
Ich aß trotz allem, weil ich wusste dass Nahrung hilft den Belag abzutragen und es gelang langsam aber sicher. 

Tag 7: Ich wache wieder Nachts auf vor Schmerz, um meine Schmerzmittel zu nehmen doch dabei fiel mir direkt etwas auf: Ja ich habe Schmerzen allerdings um einiges aushaltbarer als die Nächte zuvor. 
Zuvor waren die Schmerzen nachts eine 10/10 und diese Nacht eine 7,5/10. Geht es jetzt spürbar aufwärts? Den Tag über wenig Schmerzen gehabt, da die Schmerzmittel im Vergleich zum Vortag wieder gewirkt haben. Ich erkenne, dass meine Schmerzen weniger sind, da die Abstände zwischen den Schmerzmittel Einnahmen länger werden. 
Essen tut weh, aber ich quäle mich durch.

Tag 8: Die Schmerzen nehmen tatsächlich seit gestern immer ein wenig ab und das ist erleichternd. Schmerzfrei bin ich zwar noch nicht, aber ich merke einen Unterschied und sehe, dass der Belag in meinem Hals immer weniger wird. Vom Ablösen spüre ich allerdings nicht sehr viel. 

Tag 9: Mit einer Unterbrechung bin ich gut durch die Nacht gekommen, die Schmerzen nehmen weiterhin ab und die Intervalle zwischen den Schmerzmitteln werden länger. Essen ist nicht mehr all zu schmerzhaft – esse aber dennoch erst circa 30 Minuten nach den Schmerzmitteln, das empfehlen ja auch viele andere hier und das ist auch einfach der einzige Weg. Ich habe zunehmend mehr Energie und kann zuhause etwas produktiv sein. Habe aber trotzdem Angst vor dem Nachblutungsrisiko das ja noch besteht und deshalb achte ich darauf, dass ich mich nicht bücke oder schwer hebe. 

Tag 10: Schmerzen befinden sich (ohne Schmerzmittel) bei einer 7/10. Bei der Nachuntersuchung wunderte sich der Chirurg, dass es bei mir schmerztechnisch so früh abklang. Die meisten würden eine Erleichterung ab dem 10ten Tag verspüren und bei mir trat diese ja bereits an Tag 7 auf, das sei erfreulich und ich solle kommende Tage noch Bettruhe und die kalte, weiche Ernährung beibehalten, doch danach (also nach 14 Tagen) kann ich wieder loslegen mit normaler Ernährung und Sport.

Tag 11-12: die Beläge sind zu 70% weg, auffällig ist nur, dass an meinem Zäpfchen noch Belag ist. Das stört aber nicht weiter. 
Schmerzmittel habe ich jetzt auf Diclofenac  alle 8-9 Stunden und gelegentlich Paracetamol 500mg reduziert.

Tag 13-14: Habe seit gestern das Grün von meinem Arzt, dass ich wieder alles essen darf – nur auf drei Dinge sollte ich noch eine Woche verzichten: heißes Essen, Schärfe und Kohlensäure. Habe noch wenige Stellen im Hals die belegt sind, aber nicht dort wo die Mandeln mal waren. Schmerzen habe ich noch und ich bleibe weiterhin bei Diclofenac alle 8-9 Stunden bis das auch vorüber ist.
Schmerzen sind jetzt eher wie normale Halsschmerzen und es tut ausschließlich beim Schlucken weh, aber ich denke das geht auch demnächst vorüber. 
Von einem plötzlichen Schmerzabfall kann ich persönlich nicht berichten. Die Schmerzen werden stetig weniger. 

Tag 15: Heute bin ich tatsächlich schmerzfrei aufgewacht! Bzw. ich würde sagen, dass ich noch etwas spüre aber wirklich Schmerz würde ich nicht dazu sagen! Schmerzskala 1/10 – also absolut aushaltbar. 
Ich freue mich wieder mein Leben zurück zu haben und ab jetzt ohne Mandelentzündungen! 

An alle die das hier lesen: ich wünsche euch viel Kraft und Geduld. Die Heilung ist hart – vor allem die ersten 10 Tage, doch zieht durch! Es lebt sich einfach leichter ohne alle 5-6 Wochen mit einer ME flachzuliegen! Und dafür habe ich die 10 Tage Hölle in Kauf genommen und bin schlussendlich sehr froh darüber. 
GaLiGrü ❤️

1 Kommentar zu „OP trotz Brech-Angst“

  1. Hallo, danke für deinen Bericht.
    Hut ab, dass du es trotz Emetophobie geschafft hast, das muss anstrengend gewesen sein! Diesen Würgreiz hatte ich auch oft.

    Ich weiss ja nicht, was du alles so machst, aber ich schreibe, weil ich auch über Emetophobie gelitten habe und es mit einer Expositionstherapie erfolgreich losgeworden bin. Falls du das noch nicht ausprobiert hast, kann ich es dir sehr empfehlen.

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